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Ergebnisse eines Studientags an der Evangelischen Akademie im Rheinland

Experten fordern eine stärkere Berücksichtigung von Jugendlichen mit schlechten Startchancen

Inwieweit geht der Ausbildungskonsenses NRW, auf den sich Landesregierung, Gewerkschaften, Arbeitgeber, Kammern, Arbeitsverwaltung und Kommunen Ende 2011 verständigt haben, auf die Situation von Jugendlichen mit schlechten Startchancen ein?

Momentaufnahme aus der Podiumsdiskussion

Momentaufnahme aus der Podiumsdiskussion

Und inwieweit macht er ihnen zielgruppengerechte Angebote? Diese Frage diskutierten am Dienstag, 26. Juni 2012, Experten aus Arbeitsmarktforschung, Arbeitsmarktpolitik und der  kirchlichen Jugendsozialarbeit bei einem Studientag an der Akademie. In dessen Mittelpunkt standen die schulische und außerschulische Begleitung von Jugendlichen mit schlechten Startchancen und die bessere Vernetzung dieser Angebote.  

Ausbildungskonsens NRW räumt der Prävention den Vorrang ein
Der Ausbildungskonsens soll den Übergang zwischen Schule und betrieblicher Ausbildung verbessern und wird zunächst in sieben Referenzkommunen umgesetzt. Zugunsten präventiver Maßnahmen wie einer individuellen Beratung, der sogenannten Potenzialanalye, in der 8. Klasse würden dabei nachsorgende Angebote abgebaut, kritisierte Ina Heythausen, Referentin für Jugendsozialarbeit  und Jugendberufshilfe beim Evangelischen Fachverband für berufliche und soziale Integration in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Doch diese Angebote im nachschulischen Bereich benötige man auch weiterhin, denn heute seien immer noch 15 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsausbildung. Für diese Klientel fehle es jedoch im Ausbildungskonsens an Angeboten, um eine berufliche Existenz aufbauen könnten. So würde z.B. die Bundesanstalt für Arbeit die Teilnehmermargen für berufsbildendende Maßnahmen senken.  

Ina Heythausen, Diakonie RWL: "Es gibt Jugendliche, die nur mit Unterstützung weiterkommen"
Dennoch war sich Heythausen mit den anderen Gesprächsteilnehmern, Steffen Künn vom Forschungsinstitut Zukunft der Arbeit (IZA), Joachim Gerd Ulrich, Bundesinstitut für Berufliche Bildung (bibb), und Norbert Wichmann, Deutscher Gewerkschaftsbund NRW, darin einig, dass sich in den letzten Jahren eine Verbesserung der Gesamtlage abzeichne. Aber auch 2010 hätten 10 Prozent der in Frage kommenden Jugendlichen den Sprung von der Schule direkt in eine betriebliche Ausbildung nicht geschafft, sondern sie seien in das Übergangssystem vermittelt worden, z.B. in berufsqualifizierende Maßnahmen oder ein ergänzendes Ausbildungsangebot  „Es gibt Jugendliche, die nur mit Unterstützung weiterkommen“, auch darin war sich Heythausen mit den anderen Podiumsteilnehmern einig. Die Diakonie fühle sich insbesondere denjenigen Jugendlichen verpflichtet, für die es noch ein weiter Weg sei, bis sie im Berufsleben Fuß fassen könnten. „Sie brauchen besonders viel, aber bekommen besonders wenig“, so Heythausen.  

Eine Verbesserung der Hilfsangebote ist möglich: stärkere Individualisierung, mehr Abstimmung zwischen den Beteiligten in der Region ist notwendig
Im Hinblick auf die notwendigen Hilfsangebote für diese Zielgruppe forderte sie eine stärkere Individualisierung der Angebote. Zudem müsse die im Ausbildungskonsens angestrebte regionale Koordinierung noch verbessert werden und die Maßnahmen müssten langfristiger ausgeschrieben und geplant werden. Häufig wüssten sowohl der Maßnahmenträger als auch die betroffenen Jugendlichen erst kurz vor Maßnahmenbeginn, ob und wie die Maßnahme stattfindet. Dies erschwere für beide Seiten die Planung. Es sei notwendig, dass die Maßnahmen evaluiert würden und diese Evaluation auch wieder in die neuen Planungen einfließe. Dies sei derzeit noch nicht der Fall.

Norbert Wichmann, DGB NRW: Das Übergangssystem darf nicht weiter aufgebläht werden
Ähnlich forderte Wichmann vom DGB NRW Zertifizierungsstandards für die Maßnahmen. Er betonte zudem die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für unversorgte Jugendliche und forderte die Kirchen auf, hier „Flagge zu zeigen“. Im Moment sei die Politik darum bemüht, möglichst vielen Jugendlichen ohne betrieblichen Ausbildungsplatz ein anderweitiges Angebot zu machen, aber dabei möglichst wenig Geld zu investieren. Es gehe aber darum, möglichst viele Jugendliche direkt in eine betriebliche oder außerbetriebliche Ausbildung zu bringen statt das Übergangssystem weiter aufzublähen. Zudem seien Kammern und Arbeitgeber häufig nicht an sozial benachteiligten und ausbildungsschwachen Jugendlichen interessiert, die ca. 10 bis 20 Prozent der Jugendlichen stellten. So fehle es z. B. an Plätzen für betriebliche Praktika.  

Wird sich die demographische Entwicklung positiv auf die Ausbildungssituation auswirken?  
Die Teilnehmer des Podiums waren sich nicht einig darüber, inwieweit die demographischen Veränderungen auch Veränderungen auf dem Ausbildungsmarkt anstoßen könnten. Während Ulrich vom bibb annimmt, dass in der Zukunft Jugendliche mit schlechten Startchancen besser und direkt in eine betriebliche Ausbildung vermittelt können, geht Künn davon aus, dass von der Wirtschaft eher andere Antworten auf einen entstehenden oder schon bestehenden Fachkräftemangel gesucht würden, z.B. gezielte Zuwanderung. Wenn man lediglich abwartet statt aktiv nach Lösungsmöglichkeiten für Jugendliche mit schlechten Startchancen zu suchen, so Künn, würden die Verhältnisse vermutlich fast so bleiben, wie sie heute sind.        

 

 

hbl / 29.06.2012


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